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Weisenheim am Sand: Lorscher Urkunde, Kurpfalz und 165 000 Obstbäume

Vorderpfälzer Dorf mit Lorscher Urkunde von 771, jungsteinzeitlicher Siedlung bei der Eyersheimer Mühle, Bahnstrecke seit 1877 und 165 000 Obstbäumen im Jahr 1913

Stand: · 7 Min. LesezeitTermine geprüft am Erwähnt 771 · Obstanbau

Lange Reihen von Apfelbäumen voller roter Äpfel in einer Obstanlage der Rheinebene im tiefen Herbstlicht
Obstanbau Obstanlage in der Rheinebene. Symbolbild

Kurz gesagt

Weisenheim am Sand liegt in der Rheinebene im Landkreis Bad Dürkheim, zwischen Weinbergen, Obstgärten und dem Feuchtgebiet am Ludwigshain. 771 schenkte ein Mann namens Achiold dem Kloster Lorsch Ackerland in der Gemarkung „Wihsa“. Von 1467 bis 1793 gehörte das Dorf zur Kurpfalz, im 20. Jahrhundert wuchs es zu einem der großen Obstanbauorte der Pfalz: 1913 standen rund 165 000 Obstbäume in der Gemarkung.

Wo liegt Weisenheim am Sand?

Das Dorf liegt in der Vorderpfalz, dem flachen Land zwischen Haardt und Rhein. Es gehört zur Verbandsgemeinde Freinsheim; die Kreisstadt ist Bad Dürkheim, der Sitz der Verbandsgemeinde ist Freinsheim. Die Stadt Frankenthal ist über die Bahnstrecke verbunden, die 1877 eröffnet wurde. Den Landschaftsraum beschreibt die Seite Rheinebene. Das Nachbardorf am Gebirgsrand ist Weisenheim am Berg.

Der Zusatz „am Sand“ erscheint erstmals 1522 und unterscheidet den Ort vom Nachbardorf am Berg. Ältere Schreibweisen des Namens sind Wihsa, Wichse, Wisero, Wisere, Weißheim (1264), Wyshem (1390) und Wysheim (1474).

Was fand man aus Stein-, Eisen- und Römerzeit?

Bei der Eyersheimer Mühle lag eine bedeutende jungsteinzeitliche Siedlung, deren Funde einen eigenen Typus bilden. Aus der Eisenzeit stammen keltische Kleinfunde in der Gemarkung, die der Heimatforscher Nikolaus Henrich betreute. Römische Münzen, Tonscherben, eine Glaskanne und ein Teil einer Jupitergigantensäule aus der Zeit um 100 n. Chr. liegen im Historischen Museum der Pfalz in Speyer. Mehr über diese Epoche steht auf der Seite Römer in der Pfalz.

Im frühen Mittelalter besiedelten Franken das Land. Der Hof eines Sippenführers zwischen Bahnhofstraße, Ostring und Bismarckstraße war die Keimzelle des Dorfes. Die Landnahme des 6. und 7. Jahrhunderts verteilte das Land des Königs an solche Sippenführer, die ihre Höfe bewirtschafteten.

Langsamer Bach mit klarem Wasser zwischen Weiden und hohem Schilf in einer feuchten Wiese im Morgenlicht
Feuchtwiese Bach in der Wiese. Symbolbild

Was verraten die Urkunden des Klosters Lorsch?

Die älteste gesicherte schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 771: Ein Mann namens Achiold schenkte dem Kloster Lorsch Ackerland im Wormsgau in der Gemarkung „Wihsa“. Daran knüpfte die Gemeinde 2021 die Feier von 1250 Jahren. Das Kloster Lorsch war 764 gegründet worden und wurde von Karl dem Großen gefördert. Schenkungen an Klöster galten als seelenheilsam; deshalb lag der Besitz der Klöster weit verstreut bis in die Vorderpfalz.

Insgesamt sind neun Schenkungsurkunden zu Weisenheim bekannt, die meisten aus dem 8. Jahrhundert, eine aus dem 10. Jahrhundert. Sie führen Ackerland, Hofreiten, Wege, Wasser, Weiden und Weinberge auf, womit Weinbau schon im frühen Mittelalter belegt ist. Die „Weisenheimer Urkunden“ sind im Lorscher Codex aus den Jahren 1175 bis 1190 überliefert, dessen Original in Würzburg liegt; eine Faksimile-Ausgabe besitzt die Gemeindebibliothek. Auch die Klöster Weißenburg, Wörschweiler und Worms hatten Besitz im Dorf. Die Rebkultur der Pfalz beschreibt die Seite Weinbaugeschichte.

Wer herrschte über das Dorf?

882 wird erstmals eine Kirche erwähnt; der Ort gehörte damals zum Kloster Weißenburg. 991 ging er an das Kloster Neuhausen, einen heutigen Stadtteil von Worms. Im 13. Jahrhundert fiel das Dorf an Graf Otto von Worms, 1390 verwalteten es Untergrafen einer Leininger Linie. Nach dem Aussterben dieser Linie kam Weisenheim 1467 an die Kurpfalz, die den Ort bis 1793 hielt. Die Geschichte der Kurpfalz beschreibt die Seite Kurpfalz.

1497 wird eine Ziegelhütte erwähnt. Um 1500 lebten etwa 500 Menschen in rund 142 Häusern. 1515 regelte ein Weistum Rechte und Pflichten der Bewohner. Auf dem Weg zur Reformation hielt sich die Kurpfalz zunächst zurück.

Wie überstand Weisenheim Kriege und Besetzung?

Nach dem Dreißigjährigen Krieg war das Dorf verlassen: Ein Schaffner des Klosters Wernersberg fand keine Bewohner vor. Die Verwüstung der Pfalz durch französische Truppen unter Ludwig XIV. ab 1689 traf auch den Ort. 1697 und 1701 musste er hohe Summen an französische Soldaten zahlen, die Einwohnerzahl sank auf 150 bis 200. Danach wuchs sie wieder: 1787 lebten 850 bis 900 Menschen im Dorf, 1801 waren es 1087.

1793 besetzten französische Revolutionstruppen die Pfalz. Die Bannbäckerei endete, es herrschte Gewerbefreiheit. Mit Napoleon wurde das linksrheinische Gebiet französisch; nach dem Wiener Kongress 1815 fiel die linksrheinische Pfalz an Bayern. 1832 protestierten Bauern aus Weisenheim beim Hambacher Fest gegen die wirtschaftliche Benachteiligung der Pfälzer Weine.

Welche Kirchen hat das Dorf?

Die evangelische Pfarrkirche am Kirchplatz hat einen romanischen ehemaligen Chorturm des 12. Jahrhunderts, der 1672 aufgestockt wurde; mittelalterliche Anbauten sind im Kern erhalten. Der barocke Saalbau trägt die Jahreszahl 1750 und wurde 1832 verlängert. Neben dem östlichen Eingang steht ein Kriegerdenkmal von 1839 bis 1845, zur Kirche gehört der ehemalige Friedhof.

Die katholische Pfarrkirche St. Laurentius an der Bismarckstraße ist ein neugotischer Sandsteinquadersaal von 1868 nach Plänen des Speyerer Architekten Joseph Tanera.

Welche Gebäude prägen den Ortskern?

Im Denkmalverzeichnis des Landkreises stehen in der Bahnhofstraße und ihrer Umgebung zahlreiche Zeugnisse des 16. bis 19. Jahrhunderts:

  • Bahnhofstraße 26: das ehemalige Rathaus, ein spätbarocker Walmdachbau, bezeichnet 1729.
  • Bahnhofstraße 23: das ehemalige protestantische Schulhaus, ein klassizistischer Walmdachbau von 1824 nach Plänen von Anton Herrmann aus Hessheim.
  • Bahnhofstraße 11 und 13: Hofanlage des 18. Jahrhunderts mit Toranlage von 1849; Nr. 13 war die Kleinkinderschule, ein neubarocker Walmdachbau von 1909.
  • Bahnhofstraße 19: Hofanlage mit spätklassizistischem Torhausbau und einer Bruchsteinscheune von 1869.
  • Bahnhofstraße 30: Hofanlage mit Torhausbau aus den 1830er Jahren und einem Laubengang.
  • Bahnhofstraße 9: spätbarocker Krüppelwalmdachbau des 18. Jahrhunderts, teilweise Fachwerk, verputzt.
  • Bahnhofstraße 37: eingeschossiger Hof von 1846.
  • Bahnhofstraße 75: der Bahnhof, ein stattlicher spätklassizistischer Putzbau von 1873, erweitert 1898.
  • Bismarckstraße 9: ein Bogenstein von 1565 und eine Kellerpforte von 1609.
  • Ackerbrunnengasse 20: ein Volutenstein von 1709; Bahnhofstraße 2: eine Kellerpforte von 1580.

Auf dem Friedhof stehen eine klassizierende Kapelle von 1957, sechs barocke Grabplatten und ein Kriegerdenkmal für 1914 bis 1918, das 1930 entstand. Die Grabmäler reichen von 1845 bis 1923, darunter Stelen, Ädikulen und galvanoplastische Reliefs. An der Isenach südlich des Ortes liegt die Eyersheimer Mühle, ein zweieinhalbgeschossiger spätklassizistischer Bau von 1846 mit einem Wirtschaftsbau von 1819.

Nahaufnahme von Zweigen mit reifen Früchten und grünen Blättern in einer Obstanlage
Obst Reife Früchte. Symbolbild

Wie wurde das Dorf zum Obstanbauort?

Schon vor dem Krieg von 1914 war Obst das Rückgrat: 1913 zählte man rund 165 000 Obstbäume in der Gemarkung. 1903 gab es einen kleinen Obst- und Gemüsemarkt vor der katholischen Kirche, 1929 wurde zur Kerwe der Obstmarkt am Bahnhof eingeweiht. 1936 gründete sich der Winzerverein. 1952 wurde die größte Obstgroßmarkthalle der Pfalz vollendet.

Der Handel mit Obst brauchte Verpackung und Lager. 1975 brannte die Leerguthalle der Obst- und Gemüse-Großmärkte vollständig ab; der Schaden betrug rund zwei Millionen DM, etwa 350 Feuerwehrleute waren im Einsatz. 1981 zerstörte ein Großbrand die Kisten-, Weinsteigen- und Spankörbefabrik Strasser mit einem Schaden von mindestens 1,5 Millionen DM. Der Obstbau war eng mit den Sauerkirschen verbunden. 1986 fiel der Preis für Sauerkirschen so stark, dass rund 400 Obstbauern in der Turnhalle protestierten. Das war der Beginn des Niedergangs der einst führenden Kirschproduktion des Ortes.

Wie wuchs Weisenheim im 19. und 20. Jahrhundert?

Die Einwohnerzahl stieg von 1300 im Jahr 1823 über 2090 in 280 Häusern im Jahr 1836 und 2262 im Jahr 1880 auf 2513 im Jahr 1910. 1936 überschritt sie 3000, 1958 lebten 3523 Menschen in 791 Häusern, 2014 waren es 4412. Am Kerwemontag 1958 richtete ein Unwetter mit Hochwasser Schäden an; die Stände der Kerwe wurden bis zum Bahnhof fortgespült. Die Bahnlinie von Frankenthal nach Freinsheim eröffnete 1877.

1911/12 baute man eine Wasserleitung, die Dr. Welte maßgeblich angestoßen hatte. Eine Zweibrücker Firma führte sie unter Aufsicht des Wasserversorgungsamtes München aus. 1913 folgte die Elektrifizierung. Im Ersten Weltkrieg starben 64 Weisenheimer, 14 galten als vermisst; im Zweiten Weltkrieg kamen 99 ums Leben, 51 galten als vermisst. 1945 rückten US-Truppen ein, danach gehörte das Dorf zur französischen Besatzungszone.

Was geschah mit Eyersheim und Hundertmorgen?

An der Isenach lag das Dorf Eyersheim, das untergegangen ist. 1936 entstand auf seinem Gebiet die Großsiedlung Hundertmorgen, die zunächst von Weisenheim verwaltet wurde. 1952 wurde sie als Birkenheide selbstständig. An Eyersheim erinnern die Eyersheimer Mühle und eine Veröffentlichung von 1960 über das Wein- und Obstbaudorf Weisenheim am Sand und das Heidedorf Eyersheim.

Was ist der Ludwigshain?

Der Hügel, der früher „Keschdeberg“ hieß, wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 in Ludwigshain umbenannt; dort weihte man ein Denkmal für König Ludwig II. und seine Soldaten ein. 1983 eröffnete die Gemeinde das rund 28 Hektar große Feuchtgebiet am Ludwigshain als Naherholungsgebiet. Es ist ein Teil der Landschaft zwischen Haardt und Rhein.

Was geschah seit 1972 in der Gemeinde?

1972 wurde Weisenheim am Sand Teil der Verbandsgemeinde Freinsheim. 1981 stellte man den Pfälzer Hof am Obertor unter Denkmalschutz; er ist seit spätestens 1816 belegt und wurde 1987 nach vierjähriger Sanierung neu eingeweiht. Er beherbergt Ratssaal, Ratskeller und Gemeindebibliothek. Nach dem Mauerfall schloss das Dorf 1989 eine Partnerschaft mit Niederroßla bei Apolda in Thüringen. 2003/04 entstand am Obertor ein Kreisel, den die Weisenheimer „Weisremer Quetsch“ nennen.

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Häufige Fragen zu Weisenheim am Sand

Wann wurde Weisenheim am Sand erstmals erwähnt?

771 in einer Schenkung des Achiold an das Kloster Lorsch. Die Gemeinde feierte 2021 den 1250. Jahrestag.

Seit wann heißt es „am Sand“?

Der Zusatz erscheint erstmals 1522.

Wie lange gehörte Weisenheim zur Kurpfalz?

Von 1467 bis 1793.

Was liegt an der Eyersheimer Mühle?

Eine jungsteinzeitliche Siedlung, deren Funde einen eigenen Typus bilden; die Mühle selbst ist ein spätklassizistischer Bau von 1846 an der Isenach.

Wann entstand der Bahnhof?

1873; die Bahnlinie Frankenthal–Freinsheim wurde 1877 eröffnet.

Zu welcher Verbandsgemeinde gehört Weisenheim am Sand?

Seit 1972 zur Verbandsgemeinde Freinsheim im Landkreis Bad Dürkheim.

Quellen: Gemeinde Weisenheim am Sand: Geschichte; GDKE Rheinland-Pfalz: Denkmalverzeichnis Landkreis Bad Dürkheim. Stand: November 2026.